Creative Data Literacy (Medienbildung)

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Zugang und Fähigkeit, ohne großes technisches Vorwissen Daten lesen, analysieren und bearbeiten zu können. Zur Erlangung dieser Fähigkeit können nach Catherine D'Ignazio spielerische, niedrigschwellige und zielgruppengerechte Methoden eingesetzt werden, um den Einzelnen im Umgang mit Daten handlungsorientiert zu ermächtigen.
Dieser Artikel verweist auf folgende weitere Beiträge:
Data Infrastructure Literacy (Medienbildung), Data Literacy (Medienbildung), Daten (Medienwissenschaft), Medienkompetenz (Medienbildung), Öffentlichkeit (Medienwissenschaft)


Was bezeichnet dieser Begriff?

Creative Data Literacy wird als Erweiterung des allgemeinen Begriffs der Data Literacy verstanden. Hierunter wird die individuelle Fähigkeit gefasst, Daten zu lesen und zu analysieren sowie weitergehend mit ihnen zu arbeiten und zu argumentieren.[1] Catherine D'Ignazio schlug 2017 die Erweiterung zu Creative Data Literacy vor, um auf bestehende Initativen zur Förderung von Data Literacy zu reagieren. Sie kritisiert die dabei häufige Fokussierung auf technologisch bereits versierte Personen, was zu wachsenden Ungleichheiten in der Gesellschaft führe, da Kompetenzen für den Umgang mit Daten einer speziellen Fachgruppe vorenthalten bleibe. Unter Creative Data Literacy versteht sie daher Methoden zur Förderung von Kompetenzen im Umgang mit Daten, die dezidiert auf Personen ohne vorherige Fachkenntnisse in technologischen Bereichen ausgerichtet sind.[2]

D'Ignazio legt bei ihrer Begriffsbestimmung besonderen Wert auf den bildungspolitisch relevanten Aspekt der individuellen Ermächtigung: "It is not enough to teach people how to read a chart, you must also teach them how to use that chart to make the world a fairer place."[3] Ihr Ziel ist es, Kompetenzstrategien zu erstellen, die eine breite gesellschaftliche Öffentlichkeit ansprechen und durch politische, zivilgesellschaftliche sowie private Akteur_innen vorangetrieben und umgesetzt werden. Dies solle diskriminierenden Praktiken im Bereich der Datennutzung vorbeugen, wie sie beispielsweise durch die alleinige Verwendung von Daten durch staatliche oder wirtschaftliche Akteur_innen hervorgebracht würden.[4]

In ihrem Artikel stellt D'Ignazio konkrete Methoden und Strategien für Bildungsprojekte vor, die zum grundsätzlichen Verständnis von Daten und darauf aufbauend zu einem sinnvollen Umgang mit ihnen führen sollen. Entlang von Schilderungen ihrer eigenen Projekte, unter anderem der mit Rahul Bhargava entwickelten Website zur Einführung in Datenumgangsmethoden[5], liegt ihr Fokus auf kreativen Maßnahmen zur Bewusstseinsschärfung für die Komplexität von Datenerfassung, Datenanalyse und Datenkommunikation. Sie spricht sich dafür aus, spielerisch, innovativ und zielgruppenspezifisch zu arbeiten, um Laien die Relevanz der Projekte näherzubringen und mögliche Berührungsängste zu nehmen. Neben pädagogischen Maßnahmen zur Gruppenaktivierung stellt sie besonders Methoden zur kritischen Einordnung von Daten in den Mittelpunkt: "A key learning goal for creative data literacy is understanding the potential and limitations of what aspects of the world data does and does not represent."[6] Sie betont die Notwendigkeit, das Verständnis aufzubauen, dass 'rohe' Daten keine grundlegende 'Wahrheit' vermitteln, sondern stets "an intentional simplification of a more complex and rich reality"[7] sind. Ihre Vorschläge sind damit eng verknüpft mit Bildungsprojekten der Medienkompetenz, Data Infrastructure Literacy und Critical Data Literacy.

Woher kommt der Begriff?

Im Jahr 2016 entwickelten Catherine D'Ignazio, Assistant Professor of Urban Science and Planning am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Rahul Bhargavas, Research Scientist am MIT Center for Civic Media, das Projekt DataBasics, um Laien einen niedrigschwelligen Einstieg in den Umgang mit Daten zu geben. Die Website bietet unter anderem die Möglichkeit, potenzielle Anwendungsfelder von Datenanalyse und Datenauswertung zu erkennen und in eigenen Projekten anzuwenden.[8].

Auf diesem und anderen Projekten[9] basierend schlug D'Ignazio in ihrem Artikel "Creative data literacy. Bridging the gap between the data-haves and data-have nots" aus dem Jahr 2017 erstmals den Begriff der Creative Data Literacy vor.[10] Der kreative Anspruch, der durch die Erweiterung der allgemeinen Data Literacy suggeriert wird, stammt aus D'Ignazios und Bhargavas Bestreben, den häufig auf professionelles Fachpublikum ausgerichteten Schulungen zur Data Literacy ein Modell für Laien entgegenzusetzen. So sollen die Methoden, die D'Ignazio in ihrem Artikel vorstellt, insbesondere zivilgesellschaftliche und politische Akteur_innen dazu bringen, Data Literacy als gesamtgesellschaftliches Projekt anzusehen.

Die pädagogischen Grundlagen, auf denen das DataBasics-Projekt und die später vorgestellten pädagogischen Methoden basieren, spezifizieren D'Ignazio und Bhargava in ihrem Artikel "A Constructionist Approach to Teaching Information Visualization" im Jahr 2018.[11] Sie stützen ihren Ansatz unter anderem auf die Arbeiten von Paulo Freire, bell hooks und Seymour Papert, was sie zu einem konstruktionistischen Verständnis ihrer Methode führt. Dieses erlaube ihnen, so D'Ignazio und Bhargava, einen multidimensionalen Weg vorzuschlagen, der Lernende nicht durch eine einzige, sondern durch vielfältige und innovative Methoden fördert.


Weiterführende Literatur


Quellenverzeichnis

  1. D'Ignazio, Catherine und Rahul Bhargava. 2016. "DataBasic: Design Principles, Tools and Activities for Data Literacy Learners." The Journal of Community Informatics, 12(3). Aufgerufen am 29.04.2021, https://doi.org/10.15353/joci.v12i3.3280, S. 84.
  2. D'Ignazio, Catherine. 2017. "Creative data literacy. Bridging the gap between the data-haves and data-have nots." Information Design Journal, 23(1): 6-18. Aufgerufen am 29.04.2021, https://doi.org/10.1075/idj.23.1.03dig, S. 6f.
  3. D'Ignazio, Catherine. 2017. "Creative data literacy. Bridging the gap between the data-haves and data-have nots." Information Design Journal, 23(1): 6-18. Aufgerufen am 29.04.2021, https://doi.org/10.1075/idj.23.1.03dig, S. 7.
  4. D'Ignazio, Catherine. 2017. "Creative data literacy. Bridging the gap between the data-haves and data-have nots." Information Design Journal, 23(1): 6-18. Aufgerufen am 29.04.2021, https://doi.org/10.1075/idj.23.1.03dig, S. 8.
  5. Siehe https://databasic.io/en/ Data Basic.
  6. D'Ignazio, Catherine. 2017. "Creative data literacy. Bridging the gap between the data-haves and data-have nots." Information Design Journal, 23(1): 6-18. Aufgerufen am 29.04.2021, https://doi.org/10.1075/idj.23.1.03dig, S. 12.
  7. D'Ignazio, Catherine. 2017. "Creative data literacy. Bridging the gap between the data-haves and data-have nots." Information Design Journal, 23(1): 6-18. Aufgerufen am 29.04.2021, https://doi.org/10.1075/idj.23.1.03dig, S. 11.
  8. Vergleiche den hierzu erschienenen einführenden Artikel: D'Ignazio, Catherine und Rahul Bhargava. 2016. "DataBasic: Design Principles, Tools and Activities for Data Literacy Learners." The Journal of Community Informatics, 12 (3), 83-107. https://doi.org/10.15353/joci.v12i3.3280.
  9. Siehe auch das gemeinsame Projekt "DataMural" zur Förderung von Data Literacy unter Schüler_innen in Brasilien: Bhargava, Rahul et al. 2016. "Data Murals: Using the Arts to Build Data Literacy" The Journal of Community Informatics, 12(3), 197-216. Aufgerufen am 29.04.2021, https://openjournals.uwaterloo.ca/index.php/JoCI/article/view/3285.
  10. D'Ignazio, Catherine. 2017. "Creative data literacy. Bridging the gap between the data-haves and data-have nots." Information Design Journal, 23(1): 6-18. Aufgerufen am 29.04.2021, https://doi.org/10.1075/idj.23.1.03dig.
  11. D'Ignazio, Catherine und Rahul Bhargava. 2018. "A Constructionist Approach to Teaching Information Visualization." Digital Humanities Quaterly, 12(4). Aufgerufen am 29.04.2021, https://dspace.mit.edu/handle/1721.1/123473.


Die erste Version dieses Beitrags wurde von Annabell Blank im Rahmen des Projekts "Digitale Souveränität" am Institut für Medienrecht und Kommunikationsrecht und am Institut für Medienkultur und Theater der Universität zu Köln erstellt.

Zitiervorschlag: Glossar Digitale Souveränität. 2021. „Creative Data Literacy (Medienbildung).“ https://www.bigdataliteracy.net/glossar/. Zugegriffen am tt.mm.jjjj.