Glossar zur digitalen Selbstbestimmung
Informatische Bildung (Medienbildung)
| Informatische Bildung umfasst das Erlernen von Grundlagen, Methoden, Anwendungen und Arbeitsweisen der Informatik sowie das Verständnis für die gesellschaftliche Bedeutung von Informatiksystemen. Sie ist ein Baustein zeitgemäßer, schulischer Bildung. |
| Dieser Artikel verweist auf folgende weitere Beiträge: |
| Computational Thinking (Medienbildung), Digital Competence (Medienbildung), Digitale Kompetenz (Medienbildung), Digitale Mündigkeit (Medienbildung), Digitale Selbstbestimmung |
Inhaltsverzeichnis
Was bezeichnet dieser Begriff?
Vor dem Hintergrund der digitalen Transformation fordern bildungspolitische Stellungnahmen und Initiativen bereits in der Grundschule bei allen Kindern ein erstes Verständnis und Interesse für Informatik zu entwickeln. Um Prozesse der allgegenwärtigen Datenerfassung, -speicherung und -verarbeitung nicht nur zu nutzen, sondern auch zu verstehen und mitzugestalten, ist informatische Bildung notwendig.
Informatische Bildung ist die Bezeichnung für bildungspolitische Konzeptionen in Deutschland, die insbesondere durch die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) für den Informatikunterricht an allgemeinbildenden Schulen erstellt werden. Informatische Bildung ist ein Baustein zeitgemäßer Bildung, der Schüler_innen zu einem mündigen und selbstbestimmten Leben in einer digitalen Welt befähigen soll. Sie umfasst das Erlernen von Grundlagen, Methoden, Arbeitsweisen und Anwendungen der Informatik sowie das Verständnis für die Bedeutung von Informatiksystemen für die Gesellschaft. Außerhalb informatischer Kontexte und in Übertragung auf andere Bereiche stellt das Modellieren von Problemlösungen im Sinne des Computational Thinking ein Ziel informatischer Bildung dar.
In einem Beschluss der Kultusministerkonferenz für Grundschulen aus dem Jahr 2024 heißt es: "Informatische Bildung zielt auf ein tiefergehendes Verständnis der Prinzipien der Informationsverarbeitung ab und soll Lernende befähigen, als kompetente Anwenderinnen und Anwender aber auch als Gestalterinnen und Gestalter an der digitalen Welt teilzuhaben. Sie ergänzt die Medienbildung um die spezifischen Inhalte und Methoden der Informatik als Bezugswissenschaft."[1]
Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) stellt einen breiten Konsens darüber fest, dass "informatische Bildung ein wichtiger Bestandteil für erfolgreiche Teilhabe an der digitalisierten Welt ist und daher Informatik als Pflichtfach in der Schule eingeführt werden sollte."[2]. Konkret empfiehlt die SWK u.a. verpflichtende Informatikinhalte im Sachunterricht der Grundschulen, Informatikangebote als Pflichtfach in der Sekundarstufe I und den "Ausbau von Informatikangeboten auf grundlegendem Anforderungsniveau in der Orientierungs- und Qualifikationsphase der Sekundarstufe II".[3].
Für die Ausgestaltung informatischer Bildung an allgemeinbildenden Schulen hat die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) an die jeweilige Schulstufe angepasste Bildungsstandards herausgegeben. Diese basieren alle auf ein gemeinsames Kompetenzmodell, das mehrere Prozess- und Inhaltsbereiche verknüpft, so dass sich prozessbezogene Kompetenzen in der Auseinandersetzung mit informatischen Inhalten zeigen:[4]
| Prozessbereiche | Inhaltsbereiche |
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Informatische Bildung und Medienbildung stehen spätestens mit der Veröffentlichung der Kultusministerkonferenz-Strategie Bildung in der digitalen Welt[5] und der Dagstuhl-Erklärung[6] 2016 in einem komplementären und interdisziplinär verzahnten Verhältnis zueinander, das Gegenstand von Positionsbestimmungen und neuen Konzeptentwicklungen ist.[7]. Die Dagstuhl-Erklärung und das darin enthaltende Dreieck basieren darauf und versuchen insbesondere über die „technologische Perspektive“ mehr Informatikinhalte zu integrieren. Auch dem nachfolgenden Frankfurt-Dreieck[8] gelingt es nicht wirklich, Wege aufzuzeigen, wie „technologische“, „anwendungsbezogene“ und „gesellschaftlich-kulturelle“ Ebenen unterrichtlich besser aufeinander bezogen werden können. Das gilt unbeschadet des Umstandes, dass informatische Bildung seit Veröffentlichung der Bildungsstandards für die Sek. I im Jahr 2008 einen Inhaltsbereich enthält, der mit „Informatik, Mensch und Gesellschaft“ (IMG) überschrieben ist. Offenbar wird diesem Bereich allerdings von vielen Informatik-Lehrkräften nicht so viel Bedeutung beigemessen wie den anderen, so dass Informatikunterricht oftmals in der technologischen Perspektive verharrt und andere Ziele nicht erreicht.
Woher kommt der Begriff?
Mit dem Aufkommen des Computers in den 1970er Jahre rückte die Frage in den Vordergrund, wie Schüler_innen auf die „Informationsgesellschaft“ vorbereitet werden können.[9]. In den 1980er Jahren entstanden erste schulische Informatik-Curricula. Parallel dazu entwickelte sich in der Didaktik der Informatik die Idee, Informatik nicht nur als technisches Fach, sondern als Bildungsinhalt zu verstehen, in dem es um das Verständnis von informatischen Prinzipien, Strukturen und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung geht. Die Argumentation zur Begründung des Faches Informatik hat über viele Jahre die Bildungspolitik nicht sonderlich überzeugt. Diese präferierte andere auf die Fächer zu verteilende Bildungsangebote, wie z. B. die Informationstechnische Grundbildung (ITG), die in 1980er Jahren zunächst 1984 als Rahmenkonzept und dann 1987 als Gesamtkonzept vorgelegt wurde.[10] Diese Konzepte waren beeinflusst durch Diskussionen in der Medienpädagogik, die sich auch mit medialen Funktionen computergestützter Technologien (Information- und Kommunikationstechnologien) befasste. Spätere Darstellungen von Medienerziehung und ab 2012 von Medienbildung haben Aspekte der ITG adaptiert. Durch das Konzept der "fundamentalen Ideen der Informatik" (Schwill 1993) wurde die informatische Bildung stärker theoretisch fundiert.
Die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) beschrieb in ihren Empfehlungen für ein Gesamtkonzept zur informatischen Bildung an allgemein bildenden Schulen im Jahr 2000 die informatische Bildung als "das Ergebnis von Lernprozessen, in denen Grundlagen, Methoden, Anwendungen, Arbeitsweisen und die gesellschaftliche Bedeutung von Informatiksystemen erschlossen werden".[11] Seit den 2000er Jahren bis heute wird informatische Bildung mit Begriffskonzepten der „digitalen Bildung“ und der „Medienbildung“ verknüpft, aber nicht gleichgesetzt. Informatische Bildung bezieht sich auf das strukturelle Verstehen und die kritische Reflexion algorithmischer Systeme, jenseits ihrer reinen Bedienung:
So aktualisierte im Jahr 2000 die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) ihre Empfehlungen aus den vorangegangenen Jahren "durch eine erweiterte Sicht" und ergänzte die Empfehlung "Informatische Bildung und Medienerziehung" aus dem Jahr 1999 zu einem "Gesamtkonzept zur informatischen Bildung".[12] Die informatische Bildung grenzt sich damit von einer werkzeug- und anwendungsorientierten "informationstechnischen Grundbildung" der 1980er Jahre ab, deren Inhalte schnell obsolet wurden.
Im Januar 2008 veröffentlichte die GI die Empfehlung 'Grundsätze und Standards für die Informatik in der Schule – Bildungsstandards Informatik für die Sekundarstufe I'.[13]. Mit den 'Bildungsstandards Informatik für die Sekundarstufe II' wurde Anfang 2016 eine entsprechende Empfehlung für die höhere Schulbildung beschlossen.[14] Von der GI liegen Bildungsstandards für die Sekundarstufen vor, die für die Sek. I wurden Anfang 2025 aktualisiert.
Der Informatik-Monitor beobachtet bundesweit den Stand und die Entwicklung des Informatikunterrichts an Schulen in den deutschen Bundesländern.[15]
Weiterführende Literatur
- GI. 2026. Bildungsstandards Informatik. Empfehlungen der Gesellschaft für Informatik. https://informatikstandards.de/ Zugriff am 03.03.2026.
- Grandl, Maria und Martin Ebner. 2017. "Informatische Grundbildung – ein Ländervergleich." Medienimpulse 55 (2). DOI: 10.21243/mi-02-17-02. Abrufbar unter: https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/article/view/mi1069/1200. Zugriff am 12.01.2025.
- Herzig, Bardo. 2016. «Medienbildung und Informatische Bildung – Interdisziplinäre Spurensuche» MedienPädagogik 25, (28. Oktober), 59–79. https://doi.org/10.21240/mpaed/25/2016.10.28.X.
- Informatik-Monitor. 2023. "Zur Situation des Informatikunterrichts in Deutschland." Stifterverband, Gesellschaft für Informatik e.V. und Heinz Nixdorf Stiftung. URL: https://informatik-monitor.de/2023-24. Zugriff am 12.01.2025.
- Kultusministerkonferenz. 2017. Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz. kmk.org. URL: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2016/2016_12_08-Bildung-in-der-digitalen-Welt.pdf. Zugriff am 12.01.2025.
- Martschinke, Sabine, Susanne Palmer Parreira und Ralf Romeike. 2021. "Informatische (Grund-)Bildung schon in der Primarstufe? Erste Ergebnisse aus einer Evaluationsstudie." In Technische Bildung im Sachunterricht der Grundschule. Elementar bildungsbedeutsam und dennoch vernachlässigt? (Forschungen zur Didaktik des Sachunterrichts 12), herausgegeben von Brunhild Landwehr, Ingelore Mammes und Lydia Murmann. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, 133–150. Abrufbar unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2021/21536/pdf/Martschinke_et_al_2021_Informatische_Grund_Bildung.pdf. Zugriff am 12.01.2025.
- Schwill, A. (1993). Fundamentale Ideen der Informatik. Zentralblatt für Didaktik der Mathematik, 25(1), 20-31.
Quellenverzeichnis
- ↑ S. Eckpunktepapier zur Verankerung von Medienbildung und informatischer Bildung in der Grundschule, Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 28.11.2024, https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2024/2024_11_28-Medien-inform-Bildung-Grundschule.pdf Fußnote 4.
- ↑ S. Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz: Digitalisierung im Bildungssystem: Handlungsempfehlungen von der Kita bis zur Hochschule. Zusammenfassung. hier S. 10, verfügbar unter: https://www.swk-bildung.org/content/uploads/2024/02/SWK-2022-Gutachten_Digitalisierung_Zusammenfassung.pdf
- ↑ S. Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz: Digitalisierung im Bildungssystem: Handlungsempfehlungen von der Kita bis zur Hochschule. Zusammenfassung. hier S. 11, verfügbar unter: https://www.swk-bildung.org/content/uploads/2024/02/SWK-2022-Gutachten_Digitalisierung_Zusammenfassung.pdf
- ↑ Nach GI: Bildungsstandards Informatik für die Sekundarstufe I – Empfehlungen der Gesellschaft für Informatik e. V. (GI), 2025, doi: 10.18420/rec2025_052, verfügbar unter https://informatikstandards.de
- ↑ Vgl. Kultusministerkonferenz. 2017. Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz. kmk.org. URL: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2016/2016_12_08-Bildung-in-der-digitalen-Welt.pdf. Zugriff am 12.01.2025.
- ↑ Vgl. Gesellschaft für Informatik e.V. 2016. Dagstuhl-Erklärung. Bildung in der digitalen vernetzten Welt. Eine gemeinsame Erklärung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars auf Schloss Dagstuhl – Leibniz-Zentrum für Informatik GmbH. Gesellschaft für Informatik e.V., Projekt Dagstuhl. URL: https://dagstuhl.gi.de/dagstuhl-erklaerung. Zugriff am 12.01.2025.
- ↑ Vgl. Klaus Rummler, Beat Döbeli Honegger, Heinz Moser und Horst Niesyto (Hrsg.). 2016. Medienbildung und informatische Bildung – quo vadis? MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung 25. DOI: https://doi.org/10.21240/mpaed/25.X. Abrufbar unter: https://www.medienpaed.com/issue/view/31/76. Zugriff am 12.01.2025 und Bardo Herzig. 2016. "Medienbildung Und Informatische Bildung – Interdisziplinäre Spurensuche." MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung 25 (Computer Science Education), 59–79. DOI: https://doi.org/10.21240/mpaed/25/2016.10.28.X. Abrufbar unter: https://www.medienpaed.com/article/view/428/427. Zugriff am 12.01.2025.
- ↑ Vgl. https://dagstuhl.gi.de/frankfurt-dreieck. Zugriff am 19.02.2026
- ↑ Vgl. die Empfehlung über Zielsetzungen und Lerninhalte des Informatikunterrichts der GI: Zentralblatt für Didaktik der Mathematik, ZDM 76/1, 1976, vgl. https://gi.de/service/publikationen/empfehlungen
- ↑ Vgl. Engbring, D. (1995). Kultur- und technikgeschichtlich begründete Bildungswerte der Informatik. In: Schubert, S. (eds) Innovative Konzepte für die Ausbildung. Informatik aktuell. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-642-79968-6_7
- ↑ Fachausschuss 7.3 "Informatische Bildung in Schulen" der Gesellschaft für Informatik e.V. 2000. Empfehlungen für ein Gesamtkonzept zur informatischen Bildung an allgemein bildenden Schulen. Gesellschaft für Informatik e.V., 1. URL: https://gi.de/fileadmin/GI/Hauptseite/Service/Publikationen/Empfehlungen/gesamtkonzept_26_9_2000.pdf. Zugriff am 12.01.2025.
- ↑ Fachausschuss 7.3 "Informatische Bildung in Schulen" der Gesellschaft für Informatik e.V. 2000. Empfehlungen für ein Gesamtkonzept zur informatischen Bildung an allgemein bildenden Schulen. Gesellschaft für Informatik e.V., 2. URL: https://gi.de/fileadmin/GI/Hauptseite/Service/Publikationen/Empfehlungen/gesamtkonzept_26_9_2000.pdf. Zugriff am 12.01.2025.
- ↑ Vgl. Brinda, Torsten; Fothe, Michael; Friedrich, Steffen; Koerber, Bernhard; Puhlmann, Hermann; Röhner, Gerhard; Schulte, Carsten (2008): Grundsätze und Standards für die Informatik in der Schule - Bildungsstandards Informatik für die Sekundarstufe I. DOI: 10.18420/rec2008_052. Bonn: Gesellschaft für Informatik e.V.
- ↑ Vgl. Röhner, Gerhard (2016): Bildungsstandards Informatik für die Sekundarstufe II (Januar 2016). DOI: 10.18420/rec2016_057. Bonn: Gesellschaft für Informatik e.V.
- ↑ Informatik-Monitor, vgl. https://informatik-monitor.de
Die erste Version dieses Beitrags wurde von Dieter Engbring und Harald Gapski im Rahmen des Projekts "Digitale Selbstbestimmung" erstellt.
Zitiervorschlag: Glossar Digitale Selbstbestimmung. 2025. „Informatische Grundbildung (Medienbildung).“ https://www.bigdataliteracy.net/glossar/. Zugegriffen am tt.mm.jjjj.